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Maria Rafing - Die Geschichte eines vergessenen Wallfahrtsortes
1. Die Gründung (15. Jhdt.)
Um 1454 errichten zwei Waidhofner Bürger auf dem Rafingsberg eine kleine Marienkapelle. Ihr Motiv für den Bau dieser Kapelle ist leider nicht überliefert worden. Jedenfalls pilgern immer mehr gläubige Menschen zu dieser Kapelle, beten und nehmen an bestimmten Tagen an Messen teil, um Ablässe - Vergebung von Sünden - zu gewinnen. Die Wallfahrten auf den Rafingsberg erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, sodass im Jahre 1490 an den Chor ein Langhaus mit drei Altären angebaut wird. Die Kirche ist eine Filialkirche der Pfarre Windigsteig, die bereits damals - so wie heute - von Stift Zwettl verwaltet wird.
1512 beurkunden der Probst von Zwettl und der Pfarrer von Windigsteig die "Bruderschaft von den Sieben Schmerzen Mariens". Die Mitglieder müssen eine bestimmte Anzahl von Gebeten verrichten und an Messen teilnehmen, damit sie Ablässe gewinnen. Die Mitgliedschaft umfasst auch Geldspenden.
Der Zubau, die Erhaltung und die Gottesdienste werden finanziert durch Spendengelder der Wallfahrer. Aber auch großzügige Gönner vermachen dem aufstrebenden Wallfahrtsort ihre Wiesen, Äcker und Wälder, zum Teil in Form von Stiftungen. An Wallfahrtstagen bieten Bäcker, Rosenkranz- und Gebetbuchhändler ihre Waren am Kirchenplatz zum Verkauf an. Auch ein Wirtshaus befindet sich in der Nähe der Kirche. Alle diese Händler und der Gastwirt müssen Abgaben an die Bruderschaftslade leisten. Somit etabliert sich Rafingsberg zu einem nicht unbedeutenden Wirtschaftsfaktor in der Region. Das führt schließlich zu zahlreichen Streitigkeiten in der nächsten Periode, der Reformation.
2. Die Reformation (16. Jhdt.)
Bis zu dieser Zeit steht außer Streit, dass Stift Zwettl der rechtmäßige Eigentümer der Kirche mit allen Grundstücken sei. Mitte des 16. Jahrhunderts stellt Kaspar Kraft, Schlossherr von Meires, Besitzansprüche an die Kirche samt den Liegenschaften. Das zu Schloss Meires gehörige Gut grenzt unmittelbar an den Wallfahrtsort an. Der Grund für den plötzlichen Gesinnungswandel ist im aufkeimenden Protestantismus zu suchen, der vor allem Adelige in seinen Bann zieht und Marienverehrung in dieser Form ablehnt. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts verkauft Johann Kraft sein Gut samt der Rafinger Kirche dem Schlossherrn von Schwarzenau, Wolfhart Strein. Der Streit um das Verfügungsrecht der Kirche geht trotz Intervention von Staat und Kirche weiter. Einmal hindert Strein mit 200 bewaffneten Untertanen die Wallfahrer gewaltsam am Zutritt zur Kirche.
1604 verzichtet Strein in einem Revers auf den bisher geltend gemachten Besitzanspruch an der Kirche und den Vorplatz und somit auf alle daraus erwachsenden Einnahmen. Die Wallfahrten können von nun an wieder ohne bürokratische Hindernisse durchgeführt werden.
Schloß Meires Schloß Schwarzenau3. Das Wallfahrtszentrum Maria Rafing (17. Jhdt. u. 18. Jhdt.)
Maria Rafing, wie dieser Wallfahrtsort nun heißt, erlebt in dieser Phase seine Blüte. Die Wallfahrten boomen, sodass die Kirche wieder einmal zu klein wird. In der Mitte des 17. Jahrhunderts wird die Kirche zu einer prächtigen Wallfahrtskirche ausgebaut (Siehe Abbildung). An den alten Chor wird ein neues Schiff nach dem Muster der Schottenkirche in Wien mir Versadentürmen angebaut, was in fünf Jahren vollendet wird. Die Bewohner der Umgebung helfen eifrig am Bau mit, brechen Steine, fällen Bäume und schaffen das Baumaterial herbei. Trotz der eifrigen Mitarbeit durch die Bevölkerung kostet der Bau 5.000,-- Gulden. 1670 weiht der Weihbischof von Passau die Kirche mit 6 Altären. Später wird die Kirche gepflastert, eine Ringmauer aufgezogen und kunstvolle Malereien angebracht.
Eine Originalbeschreibung lautet: "Die Kirche gleicht einer Domkirche, und viele Städte und Märkte wären froh, ein derartiges Gotteshaus zu besitzen. Sie ist sehr solid gebaut, im inneren 16 Klafter lang, 10 Klafter breit und ebenso hoch, stark gewölbt, besitzt an beiden Seiten Gänge. Die Kirche ist weithin sichtbar. An die Kirche ist ein Pfarrhof und eine Schule angeschlossen." Die Kirche zählt neben Maria Dreieichen bei Horn und Maria Taferl zu den größten Wallfahrtsorten in Niederösterreich.
Zu dieser Zeit kommen jährlich 35.000 Wallfahrer aus der näheren und weiteren Umgebung, insbesondere von Böhmen und Mähren, nach Maria Rafing. Es wird auch von einigen Gebetserhörungen berichtet. Eine blinde Frau kann wieder sehen, als sie das Gotteshaus betritt. In der Gemeinde Fuglau hört die Pest zu wüten auf. Ein gewisser Herr Johann Wagesreither, Rentmeister in Meires fährt 1769 mit seinem Pferdefuhrwerk von Windigsteig nach Meires. Plötzlich erschrecken die Pferde und geloppieren gegen den Abgrund zur Thaya. In seiner Todesangst fleht der Mann zur Gottesmutter Maria von Maria Rafings, sie möge ihm helfen. Er stürzt zwar mit Ross und Wagen die Thayaböschung hinunter, bleibt aber unverletzt. Als Dank baut er eine Kapelle.
Wallfahrtskirche Maria Rafing (17. u. 18. Jhdt.) Grundriss der Wallfahrtskirche4. Die Schließung (Ende 18. Jhdt.)
Kaiser Joseph II, der Sohn von Maria Theresia, kommt 1780 an die Macht. Der Reformator, wie er auch genannt wird, lehnt Wallfahrten und kirchliches Brauchtum ab, was zur Auflösung vieler Klöster und Schließung vieler Wallfahrtskirchen führt.
Durch eine Verordnung des Kaisers, wonach alle Filialkirchen zu sperren seien, ist auch das Todesurteil über Maria Rafing gefällt. Eine goldene Ära geht zu Ende. Die Kirche wird zwar nicht sofort gesperrt, doch müssen auf Anordnung der Landesregierung das Gnadenbild, der Hochaltar, ein Nebenaltar und die Kanzel in die Pfarrkirche Windigsteig gebracht werden. Dort können sie auch heute noch bewundert werden. Andere Requisiten und Einrichtungsgegenstände werden vernichtet. Schließlich wird die Kirche 1792 entweiht und zum Materialpreis von Stift Zwettl verkauft.
Chr. von Stramberg, ein Zeitzeuge meint: "Was Menschenhände einst mühsam aufrichteten, das haben andere Menschenhände abgetragen. Einzig dasjenige, so unerreichbar dem Menschen, ist der Stelle geblieben - der Schauer der Erinnerung"
Bild folgt in Kürze Pfarrkirche Windigsteig Pfarrkirche Windigsteig - Hochaltar
5. Heute
Heute erinnern noch Überreste der Chormauern an diese Wallfahrtskirche. Um 1950 errichten zahlreiche Marienverehrer eine schlichte Holzkapelle in der Kircheruine. Die Holzkapelle wird 1989 durch eine kleine Wallfahrtskapelle am Ortseingang von Rafingsberg ersetzt. Im Zentrum der Kapelle befindet sich eine Kopie des originalen Marienbildes. Bemerkenswert ist die beidseitige Bemalung.
2003 haben engagierte Aktivisten der Pfarre Waidhofen/Thaya den legendären Wallfahrerweg mit 14 Kreuzwegstationen wieder reakitviert.
Kircheruine um 1950 Kirchenruine heute Wallfahrtskapelle Rafingsberg Wallfahrtskapelle - Innenansicht